Der Gitarrenbauer Dirk Jungbluth bietet Workshops an, bei denen Teilnehmer eine Ukulele nach eigenen Vorstellungen verwirklichen können. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Das Versprechen: Bei klösterlicher Stille bauen unter fachmännischer Anleitung auch Laien in nur fünf Tagen ein wohlklingendes Instrument.

Ein Werkstatt-Tagebuch

Anreisetag: Pilze statt Ukulelen

Es ist ein herrlicher Herbsttag, als wir im Kloster St. Maria in Esthal ankommen. Der Himmel über uns ist blau; im umliegenden Pfälzerwald leuchten die Blätter goldgelb. Kaum zu glauben, dass wir nicht zum Wandern hier sind. Unser erster Gang führt dennoch ins größte Waldgebiet Deutschlands.  

Nach Kaffee und Kuchen besichtigen wir gemeinsam den Werkraum. Hier wartet Werkzeug für alle und ausreichend Holz für unsere Ukulelen in spe. Die Zargen sind bereits gebogen und verleimt, die Griffbretter bundiert. Meine Bedenken, dass damit kaum noch Arbeit für uns übrig ist, sind schnell vergessen. Ein Blick auf die im letzten Jahr fertiggestellte Konzertukulele von Dirk Jungbluth, der uns in fünf Tagen zu Ukulelebauern machen wird, zeigt: Es gibt viel zu tun!

Tag I: Antreten!

Wann es in die Werkstatt geht, könne jeder selbst entscheiden, hatte Dirk uns am Vorabend mit auf den Weg gegeben. Wer fertig werden möchte, solle jedoch nicht zu lange liegen bleiben. Diese Warnung sitzt: Mein Wecker klingelt um 6:30 Uhr. Um sieben sitzen wir geschlossen am Frühstückstisch. Eine halbe Stunde später stehen alle Teilnehmer vor ihren Werkbänken.

Bereits im Vorfeld hatte ich mich für eine Holzkombination aus ostindischem Palisander mit Fichtendecke entschieden. Auch bei der Wahl der Schalllochrosette wage ich keine Experimente und wähle eine unaufgeregte Kombination in hell-dunkel. Die anderen freuen sich über teils spektakulär gemaserte Decken aus Haselfichte. Die weiteren Zargen und Böden sind aus Sapeli, Mahagoni, Zirikote und Pao Ferro.

Dann geht es ans Messen: Hier einen Mittelpunkt einzeichnen, da eine Parallele ziehen, und jetzt bloß nicht verrutschen. Das Gefühl, mein Instrument bereits ganz am Anfang zu verhunzen, stresst mich ungemein. Ich bin dankbar für jedes wohl gemeinte Wort von Dirk, dass ich mich gar nicht so dumm anstelle.

Deutlich entspannter ist das Hobeln und Feilen des Halsrohlings aus weichem Cedro. Ich forme einen spanischen Halsfuß à la Martin. Die ersten Erfolgserlebnisse lassen nicht lange auf sich warten: Es ist erstaunlich, wie aus dem groben Stück Holz schon mit wenigen Handgriffen ein Hals entsteht. Besonders spannend ist das Herausarbeiten der so genannten Volute, einer Daumenstütze, die ich in dieser Form noch an keiner Ukulele gesehen habe.

Tag II: Von Kopf bis Fuß

Weiter geht es mit dem Hals, den wir am Vortag vom Fuß aus begonnen hatten. Über die Form der Kopfplatte sollten wir uns bereits vor dem Workshop Gedanken machen. Unsere mitgebrachten Pappschablonen sind im Handumdrehen übertragen. Für die Einlegearbeit hatte ich bereits im Vorfeld professionelle Hilfe angefordert und den Gitarrenbaumeister Armin Dreier mit einer Perlmutteinlage beauftragt.

Parallel stabilisieren wir unsere Zargenkränze, indem wir sie beidseitig mit Reifchen bekleben. Auf das Trocknen des Leimes folgt das Beiarbeiten mit Hobel, Feile und Schmiergelpapier. Nach dieser Sisyphosarbeit ist die Beleistung der Decke eine kurzweilige Abwechslung. Es ist faszinierend, die unterschiedlichen Härtegrade der verschiedenen Holzarten zu erleben. Die weichen Leisten aus Fichte lassen sich deutlich einfacher bearbeiten als der widerspenstige Palisander von Boden und Zargen.

Tag III: Das perfekte Griffbrett

Wir nähern uns an: Nach drei Tagen hat sich unser Ausgangsmaterial bereits merklich in Richtung Ukulele gewandelt. Interessierte Zaungäste aus anderen Klosterkursen ("Wandern für Singles" und "Ausbildung zum Meditationsbegleiter") kommentieren bereits jetzt, dass der Bau "der kleinen Gitarren" ja schon fast abgeschlossen sei.

Dem ist natürlich nicht so. Der dritte Tag steht ganz im Zeichen des Griffbretts. Ich habe mich für eine klassische Variante aus Ebenholz entschiedenen. Ein besonderes Aha-Erlebnis ist die unkomplizierte Einarbeitung des Radius. Dabei wird das Griffbrett letztlich nur mit einem gekrümmten Schmiergelklotz geschliffen. Eine lapidare Arbeit, die sich viele Bauer gut bezahlen lassen.

Tag IV: Den Deckel drauf machen

Der Hals ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass wir ihn mit Zargenkranz und Decke verheiraten können. Es ist ein tolles Gefühl, die Ukulele erstmals fast komplett in den Händen zu halten. Ebenso befriedigend ist das feierliche Aufkleben des Bodenzettels, der ein für alle mal klar macht  Dirks unersetzliche Anleitung hin oder her: Wir haben diese Ukulelen mit unseren eigenen Händen und Fähigkeiten gebaut, und das kann uns keiner mehr nehmen!

Eine Erkenntnis, für die wir schließlich hart gearbeitet haben: "Fingerabdruck ungleich", meldet das Handy eines Teilnehmers am Ende eines feinstaubigen Werkstatt-Tages. Wenn wir hier fertig sind, werden wir nicht mehr dieselben sein. 

Tag V: Das Ende der Stille

Jetzt wird es ungemütlich. Bereits im Vorfeld hatte Dirk angekündigt, dass uns das Biegen der Randeinfassungen einiges abverlangen wird. Die ersten Kurven gelingen in meditativem Einklang mit dem auf 350 Grad erhitzen Biegeeisen; Frust tritt erst ein, als diese nicht genau passen und die dünnen Holzstäbchen immer wieder nachgebogen werden müssen.

Um das Einfräsen der Kanäle in Decken und Böden kümmert sich Lothar, die gute Seele der Werkstatt. Der pensionierte Elektrikermeister unterstützt Dirk bereits seit Jahren bei seinen Workshops. Neben 14 Gitarren hat er in seinem Leben auch eine elektronische Orgel gebaut. Aus 3.500 Einzelteilen. Noch Fragen?

Auch die ansässige Presse ist heute zu Gast. Das Ergebnis ist ein herrlich planloser Artikel über "das Faszinosum Holz": Warum französischen Nussbaum, ostindischen Palisander oder afrikanisches Sapeliholz verwenden, wenn es die "deutsche Spargelfichte aus Mittenwald" gibt?

Angestoßen wird wie an den letzten Abenden in der hauseigenen Klause. Mit fünf Ukuleleverrückten am Tisch ergibt sich die einmalige Möglichkeit, auch selten hochwertige Instrumente in natura zu erleben. Neben meiner Wunderkammer verzücken vor allem eine Makapili-Sopran-Ukulele sowie eine Claus-Mohri-Konzertukulele aus Bubinga und Fichte. Herrlich!

Abreisetag: Abschied auf Zeit

Ausschlafen bis 7:00 Uhr ist angesagt. Nach einem entspannten Frühstück geht es ein letztes Mal in die Werkstatt, um unsere Ukulelen von den unzähligen Klebestreifen zu befreien, die über Nacht die Randeinfassungen fixiert haben. Ganz langsam und flach abziehen, damit nicht auf den letzten Metern die empfindliche Fichtendecke einreißt. Alles geht gut. Wir haben fertig!

Zuletzt laden wir mit vereinten Kräften das Werkzeug und die gut verpackten Ukulelen in Dirks Auto. Nächster Stopp: Mühlheim an der Ruhr. Dort wird Dirk in aller Ruhe unsere Griffbretter auf den Hals leimen, bevor wir ein letztes Mal Hand anlegen: Dirk schickt uns unsere Ukulelen sowie ausreichend Schleifpapier mit der Post zu, damit wir die Oberfläche der Instrumente in Heimarbeit für das Lackieren vorbereiten können.

Fazit

Es war eine tolle Woche im Kloster, mit einem tollen Ergebnis. Zugegeben, ich hätte mir etwas mehr Erholung gewünscht; den Pfälzerwald und die klösterliche Ruhe konnte ich nur am Rande genießen. Dennoch bin ich sehr dankbar, dass ich dabei sein konnte. Ich habe viel über die Anatomie und Funktionsweise der Ukulele und Holz im Allgemeinen gelernt und weiß handgemachte Instrumente künftig sicher noch mehr zu schätzen. 

Ob ich noch eine weitere Ukulele bauen werde? Vielleicht. Sicher ist jedenfalls, dass ich das Arbeiten mit Holz für mich entdeckt habe. Hier werde ich in Zukunft bestimmt einige Projekte starten. Und wenn es nur Bierdeckel aus verschnittener Fichtendecke sind.

Nach einer Woche sind unsere Ukulelen so gut wie fertig

Videos und viele weitere Bilder zum Ukulelenbau im Kloster gibt es auf Facebook.

Aktuelle Termine und Preise zu den Ukulelenbau-Workshops von Dirk Jungbluth gibt es auf seiner Webseite www.die-saite.de.

Vielen Dank an Britta für die tollen Fotos mit Menschen. ;-) 

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5 Comments to “ Ukulelenbau im Kloster”

  1. Britta Meyer sagt:Antworten

    Ich freu mich über den wirklich schönen Bericht, danke Andreas
    Hoffenlich können wir uns alle wieder treffen, wenn jeder sein Instrumen fertig hat zu Klangprobe ;-》
    Lieben Gruss
    Britta

  2. Old Boy sagt:Antworten

    Schöne Zusammenfassung des Workshops … mir läuft förmlich das Wasser im Mund zusammen!

    Ich bin schon gespannt auf deinen Vergleich der DIY-Ukulele mit deinen bereits vorhandenen Pretiosen namhafter Ukulelen-Bauer!
    Ich hoffe doch, das der kommen wird?!

  3. Ella sagt:Antworten

    Das wäre die perfekte Mischung für meinen Mann. Er kann werkeln und wandern und hat seine Ruhe und ich hätte am Ende eine Ukulele ;).
    Spontan hatte ich -für mich- nachgesehen, 2018 und 2019 sind die Kurse ausgebucht. Nicht schlimm, so kann ich noch „reifen“ (und gesund werden), denn das sieht schon nach einer Herausvorderung aus.

    Über Hörproben und Vergleiche würde ich mich auch freuen.

    1. Liebe Ella,

      wenn du (oder dein Mann) für die Eigenbauukulele auch nach Wales reisen würden, kann ich euch die Kurse von Pete Howlett sehr ans Herz legen: http://www.petehowlettukulele.com/index.php?id=46

      Die sind zwar etwas teurer, aber was die Qualität des Instruments und die Kursdidaktik angeht, in einer ganz anderen Liga anzusiedeln. Ich würde sagen, die Kurse von Dirk sind etwas für Interessierte, die von Pete für Enthusiasten.

      Mir juckt es wirklich in den Fingern, im nächsten Jahr erneut zu Pete zu reisen…

      Eine Hörprobe der Klosterukulele folgt hoffentlich bald. Ich habe sie gerade (sehr untypisch für mich) auf Low-G umgespannt.

      Liebe Grüße
      Ludwig.

  4. Ella sagt:Antworten

    Danke Ludwig für deine ausführliche Antwort.

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