Somewhere Over the Rainbow gehört zu den berühmtesten Liedern mit Ukulelebegleitung. Wie es zu der weltbekannten Aufnahme kam, ist weniger bekannt. Anlässlich des zwanzigsten Todestages von Sänger Israel Kamakawiwo’ole (IZ) habe ich die Entstehungsgeschichte des berührenden Ukuleleklassikers rekonstruiert.

IZ größter Hit

Auf der Suche nach Veränderung packt den amerikanischen Toningenieur Milan Bertosa 1987 die Reiselust. Gemeinsam mit einem Geschäftspartner schafft er sein Equipment in Kisten und zieht los. Next stop: Hawaii. Er gründet das Studio Audio Resource Honolulu und hat schnell Erfolg. Neben Weltstars wie Neil Young, Whitney Houston und Alicia Keys kommen bis heute auch berühmte Ukulelespieler wie Herb Ohta und zuletzt Jake Shimabukuro zu Aufnahmen in das Studio. Einer der Größten wendet sich bereits nach wenigen Monaten mit einem nächtlichen Anruf an Bertosa.

„Du hast 15 Minuten!“

„Nach einer höllischen Aufnahmesession mit einer Girlgroup, mit der wir in der Stunde eine Silbe schafften – ich war bereits dabei, die Kabel zusammenzurollen – klingelt das Telefon. Es war dieser verrückte Kunde, mit dem ich bereits hier und da zusammengearbeitet hatte: ‚Ich bin in diesem Club, Sparky's, mit diesem Typen, Israel Kalo-kalo-kalo-kaloka, ich hab' keine Ahnung, wie er heißt, jedenfalls will er vorbeikommen und ein Demo aufnehmen.' Ich sage, das können wir gerne machen, er soll mich direkt morgen anrufen. ‚Nein, nein', sagt der Typ, und gibt mir IZ. Da meldet sich diese sanfte Stimme, so nett und höflich, so freundlich. Der Inbegriff eines guten Menschen. Okay, sage ich, du hast 15 Minuten, um herzukommen. Wenn du hier bist, hast du eine halbe Stunde. Dann ist es halb fünf und ich bin fertig.“
 
15 Minuten später klopft es an der Tür: „Und herein kommt der größte Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe. IZ wog bestimmt 500 Pfund. Und das Erste, was wir tun mussten, war, ihm etwas zum Sitzen aufzutreiben. Ein Mann von der Haussicherheit gab ihm einen großen Stuhl aus Stahl. Dann habe ich ein paar Mikrofone aufgestellt, einen kurzen Soundcheck gemacht und etwas justiert.“ Das erste, was IZ spielt, ist eine Coverversion aus dem Filmklassiker Der Zauberer von Oz (1939): Somewhere Over the Rainbow. „Er spielt Ukulele und singt, beides gleichzeitig, zwei Mikros, ein Durchlauf, dann ist es vorbei!“ Am nächsten Tag macht Bertosa IZ eine Kopie. Die Originalaufnahme verschwindet in seinem Archiv.

Ein magischer Moment

Fünf Jahre bleibt sie dort. Nur Bertosa, der ahnt, Teil von etwas Großem geworden zu sein, spielt sie hier und da ein paar Freunden vor. „Es war außergewöhnlich. Was auch immer in dieser Nacht vor sich ging, es war pure Inspiration. Es war, als hätten wir den Moment für immer eingefangen.“ IZ, der bisher vor allem mit seiner Band Mākaha Sons Erfolge feiert, geht mittlerweile als Solokünsler auf Tour. 1990 erscheint sein Album Ka 'Ano'i, auf dem auch das Medley Somewhere Over the Rainbow/What a Wonderful World in einer Jawaiian-Version – einer Mischung aus traditioneller hawaiianischer Musik und Reggae-Klängen – zu hören ist.

Zwei Jahre später kehrt IZ mit Bertosa ins Studio zurück und die Idee wächst, für sein zweites Album Facing Future auf die Aufnahme von 1988 zurückzugreifen. Der Mitschnitt hat es in sich, das wissen alle Beteiligten schnell. Nur IZ‘ liebliche Stimme und seine bittersüße Tenorukulele in Low-G-Stimmung. Verletzlich und optimistisch zugleich. So intim, dass man hört, wie IZ' Fingernägel sanft über die Seiten streichen und die Decke berühren. Auch die spontane Widmung an die hawaiianische Folk-Legende Gabby Pahinui bleibt kurzerhand enthalten.

Posthum erfolgreich

Als das Album 1993 erscheint, wird es auf Hawaii schnell zum Hit. Der weltweite Erfolg kommt erst mit den Jahren – ohne IZ. Er stirbt im Juni 1997 im Alter von 37 Jahren. In der Folgezeit steigt die Bekanntheit des Songs kontinuierlich. Nachdem er bereits in hawaiianischen Werbespots zum Einsatz gekommen war, findet Somewhere Over the Rainbow den Weg nach Hollywood. Der Song ertönt unter anderem in den Filmen Rendezvous mit Joe Black (1998), Forrester - Gefunden! (2000) und 50 Erste Dates (2004). Wenig später rührt es Millionen TV-Zuschauer zu Tränen, als es in einer Schlüsselfolge (ein Hauptcharakter stirbt) der US-Serie Emergency Room zum Einsatz kommt. Die weitere Erfolgsgeschichte ist schnell erzählt: In Folge explodierender Downloadzahlen wird IZ' Cover-Version 2010 erneut veröffentlicht. Die Single verkauft sich über fünf Millionen Mal, allein 600.000 Mal in Deutschland.
 

Nicht schlecht für ein 15-Minuten-Demo. 15 Minuten, die auch das Leben von Milan Bertosa nachhaltig prägen sollten: „Nach diesen 15 Minuten wusste ich, was ich im Leben tun will: Genau das hier, und nicht eine Silbe pro Stunde.“

Quelle: Englische Zusammenfassungen von Bertosas Erinnerungen, die auf ein BBC-Interview zurückgehen, gibt es viele, unter anderem bei National Public Radio.

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4 Comments to “ Was ist jenseits des Regenbogens?”

  1. Gaby Ossenberg Engels sagt:Antworten

    Der Song, der mich zur Ukulele brachte- und wohl nicht nur mich. Danke, so detailliert kannte ich die Story noch nicht.

    1. Mich hat der Song nicht zur Ukulele gebracht (das ist eine andere Geschichte ;-)), aber immerhin war es der erste, den ich fehlerfrei spielen konnte. Damit stehe ich wohl auch nicht alleine da.

      1. Ging mir auch so. Ist tatsächlich ein guter Song für Einsteiger. Wenige Akkorde (in der einfachen Version) und ein langsames Strumming Pattern. Außerdem „der“ Song, den die meisten mit der Ukulele verknüpfen 🙂

        1. Stichwort: „Spiel doch mal was Bekanntes!“ 😀

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