Wer nach Rudolstadt reist, interessiert sich entweder für Friedrich Schiller oder sucht Erholung im Grünen. Einen weiteren Grund für einen Besuch in der einstigen Residenzstadt liefert Tom Ziegenspeck. Der junge Instrumentenbauer betreibt hier seine Werkstatt für besonders hochwertige Ukulelen.

Tom Ziegenspeck, Instrumentenbaumeister aus Rudolstadt
Rudolstadt also, nicht Leipzig ist es geworden. Als mir Tom Ziegenspeck 2015 das erste Mal begegnet, stand die sächsische Großstadt noch ganz oben auf seinem Wunschzettel. Toms Plan damals: Seine erste eigene Werkstatt inmitten der Leipziger Altstadt eröffnen. Dass es nun die thüringische Provinz geworden ist, hat vor allem Pete Howlett zu verantworten. 

Aufbruch ins Grüne

Als ich Pete im September 2015 für einen Baukurs besuche, war auch Tom gerade im beschaulichen Talysarn in Nordwales angekommen, um den an Parkinson erkrankten Ukulelenbauer zu unterstützen. Nicht als Praktikant, sondern als seinesgleichen. Den Meistertitel im Zupfinstrumentenbau aus Markneukirchen hatte Tom damals schon in der Tasche. 
 
Während ich mir also größte Mühe gab, unter Petes Anleitung eine schnörkellose Sopranukulele zu vollenden, feilte Tom im Nachbarraum an virtuosen Verzierungen. Der pittoreske Blick aus Petes Werkstatt muss ihn schließlich so sehr verzückt haben, dass er seinen Traum vom Großstadtdschungel begrub. Nach seiner Abreise aus Wales jedenfalls entschied er sich gegen Leipzig und für den Thüringer Wald.
 
Als Tom und ich am Abend in der Kneipe sitzen und über die beste Holzauswahl philosophieren, ist es so wie immer: Keiner der Tischnachbarn interessiert sich dafür. Beim Frühstück am nächsten Morgen schöpfe ich Hoffnung, dass es noch ausgefallenere Hobbys gibt als Ukulele. Neben mir sitzt eine Gruppe grau melierter Herren, die sich angeregt über einer, zweier und die offenbar noch besseren dreier und vierer unterhält. Thema des Gesprächs sind die so genannten Ankersteine. Die hochwertigen Bauklötze, die einst bis an den kaiserlich-königlichen Hof nach Wien geliefert wurden, haben ihre Heimat in Rudolstadt. Erfunden wurden sie übrigens 1882, nur drei Jahre, nachdem im Hafen Honolulus ein kleines Instrument mit vier Saiten das Licht der Welt erblickte.

Ukulelen aus Meisterhand

Seit Sommer 2017 betreibt Tom im Handwerkerhof Rudolstadt seine eigene Werkstatt. Auf 50 Quadratmetern baut er Ukulelen, die sich das Prädikat besonders wertvoll von Hause aus verdient haben. Schon Toms Meisterstück, eine bis ins Detail ausgearbeitete Harfenukulele aus herrlich geflammter Walnuss mit Fichtendecke, lassen erahnen, wohin die Reise geht.
 
Toms Steckenpferd ist das Premiumsegment. Schon sein Einstiegsmodell „Sunrise“ ziert eine in Ebenholz und Ahorn alternierende Randeinfassung, die er komplett selbst herstellt. Wer Tom einmal dabei zugesehen hat, mit wie viel Leichtigkeit er eine Rosette einlegt, hat ohnehin keine Fragen mehr.
 

Konkurrenzfähig

Ich habe in den vergangenen Jahren viele hochwertige Ukulelen, auch mit Preisen im mittleren vierstelligen Bereich, in der Hand gehabt. Was Toms handwerkliche Fähigkeiten angeht, kann er es mit den Premiumbauern aus Übersee locker aufnehmen.
 
Anders als bei deren teils wie Sammlerstücke anmutenden Instrumenten ist bei einer Ziegenspeck-Ukulele stets auch auf den Klang Verlass. Tom geht gerne auf die Wünsche seiner Kunden ein, hat jedoch das Selbstbewusstsein, auch einmal nein zu sagen. Falls eine Holzkombination ihm allzu abenteuerlich erscheint und die Ästhetik über die tonalen Qualitäten geht, gibt er Bescheid und rät fachmännisch zur Alternative.
 

Mit Hand und Herz

Anders als Ken Timms und Marco Todeschini, die in Chargen produzieren, widmet sich Tom maximal zwei Instrumenten gleichzeitig. Die Informationen und Besonderheiten seiner Modelle hat er allesamt gut dokumentiert; dennoch zieht er es vor, aus dem Kopf zu bauen und möglichst wenig Zeit damit zu verbringen, Maße und Abmessungen zu spicken. 
 
Im Englischen gibt es die wunderbare Redewendung „learn by heart“, was so viel bedeutet wie „auswendig lernen“, aber mit Herz. Genau das hat sich Tom für den Ukulelenbau auf die Fahnen geschrieben. Handwerkskunst hin oder her; man baut nur mit dem Herzen gut.
 
Sehnt sich Tom doch einmal nach Akkordarbeit, schweißt er ein Bündel seines passiven Tonabnehmersystems „Uke-Up“ zusammen. Bereits seit einigen Jahren bietet er die kleinen Piezos auf Ukulelenfestivals an. Mittlerweile wird das System, das sich vor allem durch die ukulelengerechte Kabellänge auszeichnet, auch über große Musikhäuser vertrieben und in alle Welt verschickt.
 

Ziegenspeck in Serie

Alle seine Modelle hat Tom selbst entworfen. Neben den akustischen Varianten laufen einem in der Ukulelenszene jüngst vor allem elektrische Ukulelen aus Rudolstadt über den Weg. Toms E-Ukes sind zu einem seiner Markenzeichen geworden.
 
Bei der Wahl des Deckenfurniers hat man die Qual der Wahl. Wer es klassisch mag, bekommt ein Scheibchen Koa oder Mahagoni. Individualisten freuen sich über ausgefallene Optionen von geflammtem Ahorn bis zu spektakulär gemasertem Wurzelholz.
 

Hölzer mit Geschichte

Auf Anfrage baut Tom auch Instrumente komplett aus heimischen Hölzern. Eine besondere Geschichte hat er zu einem Stapel Kirschholz zu erzählen. Den dazugehörigen Baum hat er selbst geschlagen und nach ausreichend Trockenzeit schon erste Ukulelen daraus gebaut.
 
Egal, für welches Holz man sich entscheidet; aktuell muss man bei Tom wählen zwischen einer Ukulele mit Konzert- oder Tenormensur. Eine Variante in Soprangröße konnte ich ihm bisher nicht abschwatzen; doch was nicht ist, kann ja noch werden. 
 

Wo geht die Reise hin?

In Deutschland gibt es nur wenige Ukulelenbauer, die einen Meisterbrief vorweisen können. Tom ist wohl der einzige, der schon seine Prüfung mit einer Ukulele anstatt mit einer Gitarre abgelegt hat. Hinzu kommt seine überaus produktive Zeit mit Pete Howlett; 140 Instrumente in zwei Jahren gehen nicht spurlos an einem vorüber.
 
Wer also auf der Suche ist nach einem aufwändig dekorierten Instrument, das nicht nur gut aussieht, sondern auch in der Konstruktion überzeugt, wird in Deutschland kaum einen besseren finden. Tom ist auf bestem Wege, seinen ehrgeizigen Plan, sich im hart umkämpften Markt der Premiumbauer zu behaupten, erfolgreich umsetzen. 
 
Übrigens: Ganz allein auf sein handwerkliches Geschick möchte sich auch ein Meisterbauer nicht verlassen.  Ein bisschen Voodoo gibt es auch in Toms Werkstatt. Bevor ein Instrument auf Reisen geht, wird es erstmal ordentlich in Schwingung gebracht.
 
Bevor eine Ukulele die Werkstatt verlässt, wird sie zwölf Stunden mit Musik beschallt
In einem Unterschrank hat Tom ein Autoradio samt leistungsstarker Anlage verbaut. Sobald die Lackierung trocken ist, werden seine Ukulelen hier für zwölf Stunden mit Musik beschallt – eine Art künstliches Einspielen; vor allem Fichtendecken sollen davon profitieren. 
 
Ganz so viel Zeit habe ich leider nicht mit nach Rudolstadt gebracht. Eines kann ich jedoch schon jetzt guten Gewissens behaupten: Die frisch gebackene Tenorukulele seines Sunrise-Modells, die ich vor Ort anspielen darf, gibt bereits nach zwei Stunden Schrankdisko meisterliche Töne von sich.

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2 Comments to “ Der Meister aus Rudolstadt”

  1. Marius sagt:Antworten

    Toll mit wie viel Respekt und Liebe zum Detail hier gearbeitet wird.
    Sehr schön auch das Verarbeiten heimischer Hölzer.
    Wirklich wunderschöne Instrumente.

  2. Claus sagt:Antworten

    Danke für den Bericht! Apropos Voodoo: Habe es auch schon versucht. Habe damals unbeleistete Fichtendecken in eine Vorrichtung gespannt und beschallt um die Einspielzeit zu verkürzen. Ob es geholfen hat, ist schwer zu beurteilen. Schaden kann es wohl kaum. Vielleicht ist Toms Methode, das fertige Instrument zu beschallen, effektiver.

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